Was bedeutet „Kontext“?

Beim Bibellesen gibt es viele Möglichkeiten den Text zu verstehen. Allerdings hängt es vom Autor – also vom Schreiber des Textes ab, was dabei verstanden werden soll, und nicht von den Wünschen des Lesers. Anders kann ein biblischer Text keine Autorität haben, keine objektive Richtungsweisung sein, und letztlich auch nicht zur Errettung verhelfen. Und(!): Anders kann sich die Schrift auch nicht selbst nachvollziehbar auslegen.

Aussagen von Bibeltexten – ob einzelne Verse oder ganze Textpassagen – stehen immer in einem Zusammenhang – dem „Kon-Text“. Und dieser Zusammenhang ist für die wirkliche Bedeutung eines Textes ganz entscheidend.

…aber was bedeutet Kontext eigentlicch?

Was bedeutet „Zusammenhang“ (in anderen Worten „Kontext“)?

Am einfachsten kann man es verstehen, wenn man „Zusammenhang“ erst einmal rein grammatisch-semantisch betrachtet (keine Sorge, es wird nicht sehr kompliziert). Das bedeutet, ein Wort oder eine Aussage aus einem Bibelvers steht nicht einfach allein da, sondern ist „eingebaut“ in einem Hauptsatz, Nebensatz, Relativsatz, usw. Und das worin eingebaut wird ist der Kontext. Wird jetzt ein Satzteil weggelassen, verändert sich die Bedeutung des Wortes, also das was das Wort im Satz zu sagen hat, oder es verändert sich sogar das Verständnis des ganzen Satzes.

Ein ganz simples Beispiel wäre der Satz:

„Gehe stets über die Straßenkreuzung wenn die Ampel grün ist.“

Nimmt man den Teil „wenn die Ampel grün ist“ weg, dann ist der ganze Satz nicht mehr das was der Schreiber damit sagen wollte. Und die Anweisung des Satzes kann nicht mehr so umgesetzt werden wie der Schreiber es verstanden haben wollte. Die Information ist dann einfach falsch. Es wird ohne diesen Teilsatz sogar zu einer sehr gefährlichen allgemeinen Aufforderung eine Straßenkreuzung zu überqueren und eben nicht darauf zu achten, dass dabei die Ampel grün ist… Man muss „Gehe über die Kreuzung“ also im Licht vonwenn die Ampel grün ist“ sehen – nur dann kann man es richtig verstehen. Einleuchtend! Deshalb sollte man grade bei der Bibel ganz besonders auf diese Art des Kontextes achten. Denn(!): zerteilt man Verse und Sätze leichtfertig in kleinste Schnipsel, wird man leicht jedem dieser Schnipsel eine gewichtige Bedeutung zumessen, statt die Information welche die Teile zusammen ergeben – also die gesamte Aussage des Textes überhaupt wahr zu nehmen.

Sowohl das AT als auch das NT: Praktisch jeder Vers, jede Aussage, sogar jedes Kapitel eines Biblischen Buches stehen in einem größeren Kontext. Wenn dieser Zusammenhang nicht beachtet wird, dann kann es zu ganz erheblichen Veränderungen oder sogar Umkehrungen von Text-Bedeutungen kommen. Ein Bibeltext kann dann sogar als das genaue Gegenteil(!) dessen verstanden werden, was er eigentlich sagen wollte – also was Gott bzw. der Herr Jesus Christus damit sagen wollen.

Kontext ist breiter als man denkt…

Eine breitere Art des „Kontextes“ ist der literarische Zusammenhang. Was heißt das? Recht einfach: Das heißt, ein Autor bzw. der Text sagt etwas, das man aber nur richtig verstehen kann, wenn man weiß von was der Autor schon vorher im Text gesprochen hat – also worauf er(!) es letztlich bezieht. Das sollte man dem Autor eines Biblischen Buches nie wegnehmen(!).

Beispiel wäre ein Kochbuch, wo ein Kochrezept im Text die Vorgabe macht immer nur grüne Bohnen zu verwenden, aber auf gar keinen Fall weiße Bohnen („grüne Bohnen, weiße Bohnen nicht verwenden“). Niemand würde jedoch deshalb einfach gar nie mehr weiße Bohnen für´s Kochen an sich verwenden, sondern verstehen, dass die Vorgabe im „Zusammenhang“ (Kontext) dieses einen speziellen Kochrezeptes steht, und sich nicht auf das Kochen generell (ohne weiße Bohnen :-)) bezieht. Das wäre natürlich Unsinn. Und doch wird es beim Bibel-Lesen gern so gemacht…

Ein interessantes Beispiel aus der Bibel, aus Psalm 12:

Psalmen haben Kontext!

6 Wegen der gewalttätigen Behandlung der Elenden, wegen des Seufzens der Armen will ich nun aufstehen, spricht der HERR; ich will in Sicherheit stellen den, gegen den man schnaubt. 7 Die Worte des HERRN sind reine Worte – Silber, am Eingang zur Erde geläutert, siebenmal gereinigt. 8 Du, HERR, wirst sie einhalten (bewahren), wirst ihn behüten vor diesem Geschlecht ewig.

Psalm 12, 6-8 (ELB)

Vor allem Vers 7 könnte man so verstehen, dass Gott der HERR Seine Worte (vielleicht die ganze Bibel…?) „bewahren“ oder erhalten will, also vielleicht nicht zulassen wird, dass es jemals keine Bibel mehr auf der Welt geben wird. Aber auf was bezieht sich das „bewahren“ (einhalten) der Worte des Herrn? Nun, Vers 6 gibt die Antwort: Gott spricht (als konkretes Wort hier in Psalm 12), dass Er denjenigen „in Sicherheit“ stellen will, „gegen den man schnaubt“ – heißt also: Gott verspricht bestimmten Personen Seinen Schutz . Und in Vers 7 und 8 bekräftigt Gott, dass das was er in Vers 6 gesagt hat – also Seine Worte – auch wirklich „einhalten“ wird, und denjenigen den er schützen will auch wirklich „behüten“ wird „vor diesem Geschlecht“, sogar „ewig“. Ohne den Kontext-Vers 6 zu beachten ändert sich das Verständnis dramatisch. Noch extremer wäre es zu meinen, dass Gott in Vers 7 quasi einfach ein ganz neues Thema einschiebt – und nur weil man es nicht gewohnt ist auf den Textzusammenhang zu achten und die Schrift so zu lesen. Hier wird schon klar, dass es ohne Kontext-Lesen für Fehl-Verständnisse von Bibeltexten fast unbegrenzte Möglichkeiten gibt. Wollen wir das…? Das sei ferne! 🙂

Noch eine Stufe: Der Thematische Zusammenhang:

Eine nächste Stufe des „Zusammenhangs“ ist das Gesamt-Thema oder der anhaltende Gedankengang in einem Bibeltext, meist eines ganzen Bibelbuches. Besonders im NT erkennt man relativ schnell, dass Briefe wie z.B. Römer oder Hebräer sehr stark davon leben, dass der Schreiber ein Thema entfaltet, und zwar über eine lange Text-Strecke, mehrere Kapitel. Ohne sich daran zu erinnern in welchen Gedankengang der Schreiber grade schreibt, kann man einzelne Verse oder Passagen nur sehr schwer sachgerecht verstehen oder auslegen. Zu sehr sind da die Aussage von dem gesamten vorangehenden Text des ganzen Briefes abhängig. Ein tolles Beispiel ist ein bekannter Vers aus Hebräer 4:12:

12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens;

Hebräer 4, 12 (ELB)

Die meisten Gläubigen verstehen diesen Vers vermutlich so, dass die Bibel („das Wort Gottes“) einem Menschen quasi ins Gewissen redet – also wie ein unsichtbares Schwert die Gedanken und das Gewissen aufschneidet, und ihn z.B. auch von Sünde überführt. Keine Frage, das kann und tut das Wort Gottes auch. Aber im Zusammenhang des Textes geht es wirklich nicht um diesen Punkt, nicht um diese Kraftwirkung des Wortes Gottes, sondern darum, dass die Leser dringendst zum Glauben und zum Festhalten am Glauben an Jesus Christus aufgerufen werden. Das ist das Thema des gesamten Briefes(!) – also der thematische Zusammenhang. Und warum? Weil sie durch das Wort Gottes am Ende nach Glauben oder Unglauben gerichtet werden und vor diesem Richter nichts verborgen bleiben kann wenn der Tag kommt. Und das ist nun wirklich eine andere Schlussfolgerung als wenn man Heb 4:12 einfach für sich alleine liest und zu verstehen versucht. Nimmt man He 4, 12 einfach als Einzelvers, wird man ihn unweigerlich falsch oder mindestens sehr unvollständig verstehen, auslegen, und leben. Der Vers kann seine Wirkung die er vom Zusammenhang her auf den Leser haben soll nicht wirken.

Zu guter Letzt: Der geistliche Zusammenhang.

Ein vielleicht noch wichtigerer Aspekt beim Thema Zusammenhang ist der geistliche rote Faden der sich durch ein Bibelbuch zieht, und der immer mit dem Rest der Schrift im Einklang sein wird. Vor allem bei den NT-Büchern ist sehr sehr leicht zu erkennen, dass die Schreiber wie Paulus, Petrus, Johannes, usw. immer geistlich motiviert schreiben. Es geht oft wenn nicht immer um ein geistliches Gesamt-Thema, das den Anlass für z.B. einen Brief an eine Gemeinde oder für das Niederschreiben eines Evangeliums bildet (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes). Im 1. Petrusbrief ist das Thema unverkennbar das Bezeugen des Evangeliums und des Gewinnens von Menschen unter der Situation der Anfechtung und der Verfolgung. Sogar in der Ehe-Situation kann das der Fall sein.

In 1. Petrus findet sich eine Stelle, die vom geistlichen Gesamt-Thema das Petrus im ganzen Brief anspricht scheinbar etwas abweicht, fast als ob sich das für ein oder zwei Verse ein ganz anderes Thema hinein geschlichen hätte:

19 In diesem ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt,
20 die einst ungehorsam gewesen waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde, in die wenige, das sind acht Seelen, durchs Wasser hindurch gerettet wurden.

1. Petrus 3, 19-20 (ELB)

Ein weit verbreitetes Verständnis dieser Stelle ist, dass Jesus nach dem Tod am Kreuz wirklich geradezu in die Hölle oder den Scheol ging um dort den gefallenen Engeln oder Dämonen Seinen Sieg über die finsteren Pläne des Satans zu verkündigen (dabei war Er ja noch nicht einmal auferstanden…). Viel von dieser Auslegung steht allerdings wirklich nicht in 1. Petrus 3, 19-20. Und es passt auch kaum in das Thema um das es Petrus sonst im ganzen Brief geht. Wesentlich besser passt z.B. das Verständnis, dass Petrus hier etwas über die Situation Noahs einfügt, und zwar zur Illustration dessen was er schon die ganze Zeit im Brief entfaltet: Noah bzw. der Geist Christi durch Noah bezeugte den Menschen das Evangelium, durch den Bau der Arche (vgl. 2. Petrus 2, 5). Und das tat er unter Widerspruch und Anfechtung – das passt um Welten besser in den Textfluss von 1. Petrus(!), als ein obskurer Schlenker den Jesus in die Hölle gemacht haben soll.

Man kann sehen welche Puzzle-Teil passt..! Ein guter Anfang für´s Bibellesen.

Umsicht und Vorsicht sind geboten.

Was passiert wenn man sich um diese Fragen beim Bibellesen nicht kümmert? Dann werden an Einzelaussagen und Begriffen eines Bibeltextes gewaltige Glaubens-Lehren festgemacht, die bei Betrachtung des Kontextes so ggfs. garnicht stimmen. Ein wörtliches 1000-jähriges Reich in der Endzeit ist nur 1 Beispiel, aber ein sehr Extremes, das seit vielen Jahren zu Problemen in Gemeinden geführt hat. Es ist deshalb so extrem, weil diesem Begriff viele anderen Aussagen der Schrift angepasst werden, und dann auch deren Kontext missachtet wird. Andere Themen sind Heilssicherheit, Taufe, die Rolle Israels, die Rolle der Frau in der Gemeinde, Einheit unter Christen, und viele andere.

Es bedarf also viel Demut beim Bibellesen und Auslegen, und noch viel mehr Gnade und Offenbarung durch den Herrn Selbst, um den Zusammenhang recht zu beurteilen – ihn nicht nur zu eigenen Gunsten zu verwenden. Es ist sicher in Ordnung auch in kleinen Teilstücken von Bibelversen und Texten Gottes Lehren zu sehen. Aber es ist gefährlich den Einzel-Teilen mehr Bedeutung und Gewicht bei zu messen als dem worin sie (von Gott! / Christus!) eingebaut sind. Der Zusammenhang ist die Leuchte die uns die Einzelteile verstehen lässt. Theologien und Auslegungs-Techniken allein können das nach meinem Dafürhalten nicht leisten. Ich war selbst auf einem sehr renommierten Bible-College und habe es selbst erlebt. Wenn nicht Gott durch Christus offenbart wie Er Seine Sprechen in der Schrift gestaltet – nämlich mit viel viel Kontext – dann werden wir scheitern.

43 Warum versteht ihr meine Sprache nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt.

Johannes 8, 43 (ELB)

Dafür, dass Gott uns Verständnis Seines Wortes gibt können und sollten wir beten, auch füreinander, und ganz besonders für Gemeindeleiter und Prediger. Wenn uns wirklich an Jesus als unserem Herrn liegt, dann laßt uns ehrlich mit der Schrift umgehen. Es geht einfach um so viel!