Dispensationalistische vs. Reformatorische Hermeneutik – Ein Vergleich

Die heutige Gemeindelandschaft in Deutschland wird vor allem von einer(!) heilsgeschichtlichen Bibelauslegung geprägt – dem Dispensationalismus. Dabei ist diese Strömung relativ jung in der Kirchengeschichte und entwickelte sich erst in den letzten 100 Jahren zu der populärsten Bibelauslegung in evangelikalen Gemeinden. Der heutige Dispensationalismus, mit seinem Hauptmerkmal, der strikten Trennung von Gemeinde und Israel, wurde von John Nelson Darby um 1830 entwickelt und gelangte über die Brüderbewegung letztendlich in die evangelikale Welt. Da das Fundament jeder Auslegungsmethodik gewisse Vorannahmen sind, mit denen der Ausleger an den Text herantritt, steht und fällt eine Hermeneutik mit diesen Annahmen. Geht man beispielsweise, wie einige Vertreter der Bibelkritik, mit der Annahme an die Bibel, dass sie nicht Gottes unfehlbares Wort ist, kommt man unweigerlich zu anderen Schlüssen, als ein Ausleger, der an der Unfehlbarkeit der Schrift festhält. So sind also die Vorannahmen entscheidend für das Ergebnis der Auslegung und letztendlich auch für die Theologie selbst. Da sich allerdings die Annahmen Darbys und der Vertreter des Dispensationalismus grundlegend von denen der Reformatoren und anderer Kirchenväter unterscheiden, will ich im Folgenden beide kontrastieren und die Herangehensweisen miteinander vergleichen.

Der reformatorischen Auslegung unterliegen vier Grundannahmen:

1. Das Neue Testament wird als die Auslegung des Alten Testaments betrachtet.

Da zu der Zeit der ersten Gemeinde das Neue Testament noch nicht komplett war, predigten Jesus und seine Apostel hauptsächlich aus dem Alten Testament. Sie legten demnach das Alte Testament aus und erklärten ihren Zuhörern, wie man es zu verstehen hat. Dabei zeigten sie vor allem den schattenhaften Charakter des Alten Testaments auf, das sich mit seinen Bildern und Schatten in Christus erfüllt hat. Der Dispensationalismus lehrt hier, dass das Alte Testament unabhängig vom Neuen Testament ausgelegt werden muss. Aussagen des Alten und des Neuen Testaments müssen gleichwertig gesehen und unabhängig voneinander betrachtet werden. So wird z.B. eine Wiedereinführung des Sündopfers gelehrt (Hesekiel 40,39;42,13), obwohl der Hebräerbriefschreiber die Rückkehr zum schattenhaften Opferdienst des Alten Testaments als eine Missachtung des endgültigen Opfers Christi ausschließt (Hebräer 10,18.26).

2. Die Analogie des Glaubens.

Die zweite Annahme der reformatorischen Auslegung ist die sogenannte „Analogie des Glaubens“ (im lateinischen Analogia fidei). Damit beschrieben die Reformatoren das Prinzip, dass klare Schriftstellen unklare Schriftstellen auslegen müssen und sich die Schrift somit in erster Linie selbst auslegt. So muss beispielsweise die Bildsprache der Offenbarung im Licht des Alten Testaments übersetzt und gedeutet werden. Demgegenüber steht die dispensationalistische Annahme, alle Aussagen, auch die der Prophetie, soweit wie möglich wörtlich zu nehmen. Dies führt jedoch häufig zu wörtlichen Deutungen von sehr unklaren Stellen ohne die Betrachtung des gesamten biblischen Kontexts, was in der reformatorischen Auslegung nicht zulässig ist (z.B. die Schlussfolgerung basierend auf Daniel 9,24-27, dass in der Endzeit ein physischer Tempel gebaut wird, wobei Stephanus in Apostelgeschichte 7,48 klar sagt, dass Gott „nicht in Tempeln, die von Händen gemacht sind“ wohnt).

3. Fortschreitende Offenbarung

Nach reformatorischem Ansatz schilderten die Propheten und Autoren des Alten Testaments ihre Visionen in den Begriffen ihrer Zeit. So verwendeten sie damals bekannte Begriffe wie Tempel, Israel und Opfer, um die Zuhörer ihrer Zeit anzusprechen. Im Neuen Testament werden diese Begriffe jedoch in ihrer vollständig offenbarten Natur definiert und wir lernen, dass sie nur Schatten und Bilder des eigentlichen, nämlich von Christus selbst sind (Kolosser 2,17). Der Dispensationalismus, der eine strenge Wörtlichkeit prophetischer Aussagen verlangt, beharrt hier zumeist auf alttestamentlichen Auslegungen, die jedoch im Licht Christi von den Aposteln geistlich interpretiert werden.

Ein konkretes Beispiel dafür ist die Aussage von Jakobus auf dem Apostelkonzil in Jerusalem in Apostelgeschichte 15. Nachdem Paulus und Barnabas berichten wie die Heiden ebenfalls zum Glauben an Christus gekommen sind, wurde die Frage aufgeworfen, ob die bekehrten Heiden auch beschnitten werden müssen, um gerettet zu werden? Daraufhin ergreift Jakobus das Wort und antwortet mit einem Zitat aus Amos 9,11-12: „Simon hat erzählt, wie Gott zuerst sein Augenmerk darauf richtete, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen anzunehmen. Und damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: ‘Nach diesem will ich zurückkehren und die zerfallene Hütte Davids wieder aufbauen, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten, damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der Herr, der all dies tut‘“ (Apostelgeschichte 15,14-17). Legt man jetzt ein wörtliches, dispensationalistisches Verständnis dieser Prophetie zu Grunde, wird man die „Hütte Davids“ als den dritten Tempel verstehen, der im 1000-jährigen Reich wiederaufgebaut wird. Demnach argumentiert Jakobus hier, dass die Errettung der Heiden aus Glauben grundsätzlich nicht dem Plan Gottes widerspricht, da Amos schon prophezeite, dass auch im 1000-jährigen Reich Heiden zum Glauben kommen werden. Einer solchen wörtlichen Auslegung stehen jedoch mehrere Punkte entgegen:

– In Amos 9,12 steht: „Dass sie den Überrest Edoms in Besitz nehmen werden und alle Heidenvölker, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der HERR, der dies tut.“ Wenn sich nun diese Prophezeiung in einem irdischen 1000-jährigen Reich erfüllen soll, muss es dort laut Amos einen Überrest der Nation Edom geben. Nun ist Edom jedoch als Volk schon lange untergegangen und Gott hat verhießen, dass es nie wieder eine Nation Edom geben wird (vgl. z.B. Obadja 10 oder Jeremia 49,17-18).

– Zu prüfen ist hier ebenfalls, ob die Argumentation von Jakobus gemäß der dispensationalistischen Auslegung wirklich sinnvoll ist. Bloß weil die Errettung der Heiden grundsätzlich Gottes Plan entspricht und sie anscheinend in einem 1000-jährigen Reich ihre volle Wirkung zeigt, muss der Rückschluss auf die Zeit des Jakobus nicht unbedingt zutreffen. Gott hätte prinzipiell auch die Möglichkeit nur in einem 1000-jährigen Reich und nicht in einer anderen Haushaltung den Heiden Gnade zu erweisen.

– Jakobus sah wie die anderen Apostel auch, diese Prophezeiung als erfüllt an („Und damit stimmen die Worte der Propheten überein“). Da das Neue Testament voll von Aussagen ist, die uns bestätigen, dass die Gemeinde als der Leib Christi, der Wohnort Gottes und damit der geistliche Tempel ist (1. Korinther 3,16, Epheser 2,20-22, 1 Petrus 2,5) müssen wir davon ausgehen, dass Gott auch die Aussagen von Amos´ Prophezeiungen auf die Gemeinde bezogen hat.

4. Das Wort ist Christus.

Die vierte Annahme der reformatorischen Auslegung ist, dass die Schrift uns zuerst Jesus Christus offenbart und auch in diesem Licht gelesen werden muss. Wie Johannes Calvin in seinem Kommentar zum Johannisevangelium schreibt: „Wir müssen die Schriften lesen, mit dem Ziel Christus in ihnen zu finden.“ Diese Sichtweise wird von Jesus selbst bestätigt: „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; und sie sind es, die von mir Zeugnis geben“ (Johannes 5,39). Jesus gab dieses Verständnis ebenfalls an seine Jünger weiter: „Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was sich auf ihn bezieht“ (Lukas 24,27). Hier bezeugt Jesus, dass er in allen Schriften, also in allen Büchern der Bibel (so auch z.B. in Obadja oder Nahum) zu finden und zu suchen ist: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt – in ihm ist das Ja, und in ihm auch das Amen, Gott zum Lob durch uns“ (2. Korinther 1,20). Während der reformatorische Ansatz Jesus Christus und sein Volk die Gemeinde als den absoluten Höhepunkt der göttlichen Offenbarung versteht, vertritt die dispensationalistische Hermeneutik eher eine Zweiteilung der göttlichen Offenbarung. Charles Ryrie, ein bekannter Verfechter des Dispensationalismus, schreibt: „Der Dispensationalismus geht von zwei Heilsplänen Gottes aus und betont die Notwendigkeit, zwischen Israel und der Gemeinde zu unterscheiden. Und all das beruht auf dem induktiven Studium des Gebrauchs dieser zwei Begriffe, und nicht etwa auf einem der Bibel übergestülpten Schema… Es geht nicht darum, der Bibel einen zweifachen Heilsplan aufzudrücken, sondern zu erkennen, dass im Neuen Testament der Gebrauch des Wortes Israel eindeutig vom Gebrauch des Wortes Gemeinde abzugrenzen ist.Die Bibel selbst lehrt uns jedoch, dass eine Kontinuität zwischen Israel und der Gemeinde besteht (Römer 9-11 und Epheser 2-3) und dass es letztlich nur ein Volk Gottes, bestehend aus gläubigen Juden und Heiden, gibt.

Zusammenfassend ist zu sagen

…dass der reformatorische Ansatz durch die Anerkennung der neutestamentlichen Auslegungen von alttestamentlichen Stellen dem Prinzip Sola Scriptura (Allein die Schrift) viel besser gerecht wird als die dispensationalistische Hermeneutik. Da nur die Schrift die Autorität hat uns zu erklären wie sie verstanden werden will, dürfen wir sie nicht durch eine übersteigerte Wörtlichkeit in unser Denkmuster hineinpressen. Vor allem dürfen wir nicht die gleichen Fehler begehen wie die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu, die getrieben von einer strikt wörtlichen Auslegung des Alten Testaments ein irdisches Reich, einen irdischen König und ein irdisches Paradis erwarteten. Da Jesus jedoch weitgehend ihren, auf Schatten-fixierten Auslegungen widersprach, glaubten sie ihm nicht und verwarfen ihn schlussendlich. Auch wenn das Anliegen der dispensationalistischen Hermeneutik, den Literalsinn zu heben, grundsätzlich gut und richtig ist, müssen wir zuerst der neutestamentlichen Auslegungspraxis der Apostel folgen, die uns lehrt, was das Eigentliche und was letztlich nur Schatten sind, die durch das Kommen Christi abgelöst wurden.

Von Robert.